Elf. (Arne Leibich Geschichte)

Ich sitze vor meinem immer noch dunklen Monitor. Auf die Uhr, die vorwurfsvoll vor sich hintickt, schaue ich auch nicht. Was habe ich nur gemacht? Bringt Linda Thorben um? Zu zutrauen wäre es ihr durch aus, aber warum habe ich das eigentlich nochmal gemacht? Ach ja, Thorben steht ja darauf, sich mit meiner Exfrau und ihrer Gespielin zu treffen. 

Mein Handy piepst in meiner Tasche und wie es das Schicksal so will, schaue ich aus mit unerfindlichen Gründen drauf. Ich habe eine neue WhatsApp Nachricht, von Anna.

Anna Leibich (aka The Bitch): Hallo Arne, da du mir nicht auf meine unzähligen Mails antwortest, muss ich dir hier schreiben. Ich muss dich daran erinnern, dass ich heute die unterschriebenen Scheidungspapiere von dir haben will. Ansonsten werde ich dich verklagen! Also überlege dir gut ob du dich weiter weigern willst.

Kurz überlege ich ihr eine gepfefferte Nachricht zurück zu schicken. Sowas wie: "Wenn DU nicht fremd gegangen wärst, dann hätte ich noch meine Würde." Oder sowas wie "Steck dir deine Scheidungspapiere in den Arsch!" Doch stattdessen lege ich das Handy in meine Schreibtischschublade. Ich höre, wie meine Bürotür geöffnet wird. "Hey Arne, ich habe mitbekommen was heute morgen auf dem Parkplatz abgegangen ist. War echt völlig unschön. Ich hab dir mal nen Kräutertee gemacht, weißt schon. Einen Martha Spezial-Tee." Martha schaut durch einen kleinen Spalt in mein Büro hinein. In ihrer Hand hält sie die dampfende Tasse Tee. "Danke Martha, aber ich glaube ich sollte deinen Tee heute aussetzen. Mir steht eher der Sinn nach was Härterem!" Martha schaut mich mit ihrem besorgten Hundeblick an. "Mensch Arne, nun mal ehrlich. Alkohol ist eine viel stärkere und schlimmere Droge als mein Dope. Außerdem sieht man dir deinen Verfall echt langsam mal an. Du solltest mal mehr an dich denken und ein bisschen für Entspannung sorgen. Hast du dir mal ernsthaft Gedanken gemacht, zu nem Therapeuten oder Heilpraktiker zu gehen?" Och nö, nun fängt das wieder an. Ich weiß ja, Martha ist wahrscheinlich der einzige Mensch, der sich ernsthafte Sorgen um mich macht. Aber nun mal ehrlich: warum muss es ausgerechnet die esoterische, kiffende und an Schamanen glaubende Martha sein? Warum kann es nicht die Klara aus dem schicken Bürogebäude nebenan sein, die sich um mich sorgt. "Nee Martha, irgendwie glaube ich, dass ist nichts für mich. Außerdem habe ich heute wirklich andere Sorgen." Martha schaut mich an, stellt den Tee auf den kleinen Tisch in der Nähe meiner Bürotür und geht leise und kopfschüttelnd wieder weg. Die Tür schließt sie jedoch nicht. 

Ich sitze also den ganzen Arbeitstag vor meinem PC, welcher nicht eine Sekunde an diesem Tag angeschaltet war. Helga lässt sich nicht blicken, dafür kommt jedoch kurz vor Feierabend mein Chef rein. Er setzt sich ohne eine Begrüßung auf einen Stuhl und starrt mich an. "Kann ich ihnen irgendwie helfen?" Habe ich das nun wirklich gesagt? Ich merke wie Herr Bock tief durchatmet. "Nein Herr Leibich, aber ich glaube, es ist a der Zeit das ich Sie frage, ob Sie Hilfe benötigen. Ich habe von ihren Kolleginnen gehört, dass sie seit geraumer Zeit sehr abwesend wirken. Auch Frau Leibich äußerte bereits, dass sie mit ihrer Arbeit in keiner Hinsicht mehr zufrieden sei. Heute wurde zum Beispiel  noch kein social media Content von ihnen bezüglich der Reederei gepostet. Ist ihnen bewusst, dass das ihr Job ist?" Was soll ich darauf antworten? Dass ich keine Lust habe, für das falsche Luder, dass ich mal geheiratet habe, irgendeinen Blödsinn auf instagram zu teilen? Oder soll ich meinem Chef sagen, dass meine "werten Kolleginnen" sich mal an die eigene Nase fassen sollten? Ich meine, sind wir doch mal ehrlich. Wir alle wie wir hier in der Firma sind, haben einen am Sender. Herr Bock zieht sich Weiberklamotten an, Helga sieht aus wie ein Nilpferd das man in ein Leberwurstkostüm gequetscht hat und versucht, Stasiabhörmethoden anzuwenden. Ja und Martha, ich glaube dazu brauche ich nun wirklich nichts mehr sagen. "Nee Herr Bock, mir geht es echt gut. Ich schlafe nur in letzter Zeit so wenig und dann auch noch der ganze Stress hier." Ich versuche ihn mit einem Dackelblick von meiner Unschuld zu überzeugen. "Herr Leibich, haben sie grade einen Schlaganfall oder was ist mit ihren Augen los." Schlaganfall? Atme Arne, atme. Heute ist echt nicht dein Tag.

Nach einem Gespräch mit meinem Chef, egal wie es ausgeht, fühle ich mich wie nach einem Marathonlauf. Ich schwitze, bin kurzatmig und froh, die Sache hinter mich gebracht zu haben.

Mein Leben ist wirklich irgendwie aus dem Ruder gelaufen. Wie konnte es nur soweit kommen?

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