Sechs.
Okay, da grinst mich also Torben und nicht mein Foto an. Ich
gebe zu, Torben ist ein sehr attraktiver Mann, mehr als ich. Aber warum habe
ich mich überhaupt bei dieser App registriert und warum überhaupt mit seinem
Bild? So langsam meldet sich mein dumpfes Hirn bei mir: „Na mein Freund, denkst
du langsam wieder klar? Hast du doch richtig gemacht, dem Verräter werden wir
es zeigen.“ Kurz überlege ich was am gestrigen Abend alles passiert war. Und
nach und nach kehrt meine Erinnerung zurück, Alkohol. Kneipe. Torben. Torben
wie er mir sagt dass er Anna und Jasmin zum Essen eingeladen hat. Jepp, der
Verräter hat einiges verdient aber bestimmt nicht, dass ihm die heißesten
Ladies des Emslandes anschreiben und versuchen ihn klar zu machen. Ich will
klar gemacht werden oder eine klar machen, also warum sollte ich das Foto in
meinem Profil lassen? Nun denn, ich kann das Foto noch am Abend aus der App
nehmen und es durch meins ersetzen.
Ich widme mich zunächst meiner Arbeit und wünschte mir
schnell, dass ich das gelassen hätte. Kaum dass ich dem PC meine Aufmerksamkeit
schenke drückt sich Helga durch die Tür. „Arne, ich weiß ja nicht was bei dir
so los ist, aber so kann es einfach nicht weitergehen!“, quakt sie mich an. Ich
überlege kurz zu kontern, aber ich weiß dass Helga es nicht verstehen würde.
„Ach Helga, ja du hast ja wie immer recht!“ höre ich mich statt dessen sagen.
Helga hat Recht? Was ist denn nun schon wieder mit mir los, dass ich diese
Worte der Pummelfee sage. Helga beginnt zu lächeln, Moment mal, ich glaube ich
habe den Klops noch nie lächeln sehen und ich wünschte mir, es auch dieses Mal
nicht hätte gesehen haben zu müssen. Helga entblösst ihre Zähne beim Lächeln.
Und kennen Sie das wenn Sie ein Pferd wiehern sehen? Ja, genauso grinst nun
diese massive Fleischmasse. Mein Blick wandert angewidert zum Monitor zurück.
„Arne, wenn du mal reden willst, dann geh zu Martha, die hat schließlich acht
Kinder. Ein pubertierendes Wesen mehr oder weniger wird sich dann auch nicht
mehr abschrecken!“ Wow, Helga ist ja heute wieder auf Hochtouren. Ich ignoriere
sie weiter und checke meine Mails.
___________________________________________________________________________
An: arne.leibich@servicemedia.de
Von: leibich@reedereikreuz.com
Betreff: kindisch, kindischer, Arne Leibich
Hallo Arne,
ich dachte wirklich nicht dass es
zwischen dir und mir noch hätte schlimmer werden können.
Aber du zeigst mir immer wieder aufs Neue, dass es noch eine
Spur schlimmer wird. Ich habe die Nachricht von meinen Anwälten erhalten, dass
du dich weiterhin weigerst die Scheidungspapiere zu unterzeichnen. Zudem habe
ich heute einen Anruf von Linda erhalten, dass du dich mit Torben wegen einer
Essenseinladung angelegt hast.
Werde erwachsen Arne! Das mit uns ist vorbei, ich bin mit
Jasmin zusammen und sehr glücklich. Sieh es ein dass sie mir auf allen Ebenen
das gibt, was du NIEMALS geschafft hast. Und ja, auch sexuell hast du es NIE
geschafft.
In diesem Sinne: Unterschreibe die Papiere damit wir es
endlich hinter uns haben.
MfG
Anne Leibich
CEO Reederei Kreuz
P.S.: Das von dir gemailte social
media Konzept für die Reederei hat dem Vorstand und mir nicht gefallen. Sieh zu
dass es etwas innovativeres wird, ansonsten sehen wir uns gezwungen eine andere
Agentur zu beauftragen
Wie schafft diese Frau es nur jedes
Mal aufs Neue mich dermaßen zu demütigen? Schon während unserer Ehe hat sie
mich immer spüren lassen, wie wenig sie in den letzten Jahren von mir gehalten
hat. Am Anfang unserer Beziehung war es die große Liebe und zwar für uns Beide.
Anna war dankbar dass ich sie so
genommen habe, wie sie war. Die rothaarige Brillenschlange und der beliebteste
Junge der Klasse. Ja, ob sie es glauben oder nicht. In der Klasse hat damals
niemand verstanden warum ich ausgerechnet Anna genommen habe, denn tatsächlich
gab es kaum ein Mädchen auf der Schule, dass ich nicht hätte abbekommen. Doch
ich wollte Anna, ich wollte mit dem Klischee aufräumen, dass hübsche Menschen
sich nur mit hübschen Menschen umgeben. Ich war viel erfahrener als sie und
konnte schon mit dem ein oder anderen Wissen über das weibliche Geschlecht
auftrumpfen. Anna hingegen war unerfahren und eher ein wenig prüde.
Nun gut, das ist lange her und mit
dieser Mail hat sie es tatsächlich geschafft mich und mein Können im Punkto Liebesleben
mit ein paar Worten niederzuschmettern. Herzlich Willkommen in der Realität.
Aber um ehrlich zu sein, so ganz kann ich es nicht glauben. Wieso sonst sollte
Anna immer im Bett geschrien haben, ich solle weiter machen und nicht aufgeben.
Ich solle mich weiter bemühen und… okay okay, jetzt werden mir ihre Worte auch
klar.
Ich stehe von meinem Bürostuhl auf
und begebe mich nach Draußen. Ich muss eindeutig erstmal eine rauchen um meinen
Kopf klar zu bekommen.
Draußen steht Martha und raucht eine
ihrer Kräuterzigaretten. „Hey Arne mein Freund, du siehst ja wieder mal
beschissen aus. Hatteste ne lange Nacht?“ „Moin Martha, danke für das
Kompliment, dass hat mir grade noch gefehlt. Aber ja, tatsächlich hätte die
Nacht etwas erholsamer sein können. Und bei dir? Haben die Kinder ihren halben
Keks vertragen?“ „Hör mir bloß auf Arne, der Björn-Rouven hat auf den Keks mit
der Kotzerei seines Lebens reagiert und die Lucy-Marie-Arianne, die hat nur
noch gekichert. Das Mischverhältnis scheint für die Kinder noch nicht zu
stimmen.“ Äh okay, ich dachte tatsächlich nicht dass Martha ihren Kindern ihre
Hasch-Kekse geben würde, aber so wie sie die Sache nun geschildert hat scheint
sie es doch mehr als ernst gemeint zu haben. Gemeinsam rauchen wir fünf, sechs
Kippchen, gehen noch kurz in die Teeküche um uns einen Kaffee mit in unsere
Büros zu nehmen.
Ich lese mir Annas Mail erneut durch
und versuche mich auf das dienstliche zu konzentrieren. Was bildet sie sich
eigentlich ein? Ich solle mir ein innovatives Mediakonzept einfallen lassen.
Was erwartet sie? Soll ich etwas einen neuen social media Kanal für sie
erfinden? Oder soll ich für sie eine App schreiben? Natürlich sind social media
wie Facebook, Instagram und Twitter nicht mehr das non-plus-ultra wie es noch
für zehn Jahren der Fall war, aber was denkt sie denn wo ich ihre Reederei
publik machen soll?
So sitze ich den restlichen
Arbeitstag in meinem Büro ab. Zum Feierabend hin packe ich meine Tasche, stelle
mich an mein Fenster und rauche erneut eine Kippe. Ich schnappe mir mein Handy
welches ich auf lautlos gestellt hatte und blicke fassungslos auf das Display:
296 Bumble-Nachrichten.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen