Das Leben des Arne Leibich -Eins. (Geschichte)

 

Eins.

 

„Kaffee!“, brüllt mich mein durchzechtes Gehirn an. „Alter, gib mir Kaffee!“ Joar, ein bisschen netter könnte es schon zu mir sein, finde ich. Aber nun gut, so ganz unschuldig an der Sache scheine ich nicht zu sein. Schließlich hat mein Hirn mir gestern mehrfach mitgeteilt, dass es nicht sonderlich klug ist, an einem Sonntagabend eine komplette Flasche Rosche Uralt zu saufen und danach noch meine Ex-Frau anzurufen um ihr zusagen, wie sehr ich sie doch liebe. Im nüchternen Kopf würde ich dieser vermalledeiten hinterfotizgen Alten eher den Tod an den Hals wünschen als ihr zu gestehen, wie sehr ich sie vermisse. Aber Shit happens oder wie wir Emsländer sagen: „Möge der Schnaps mit dir sein.“

Nun ist also Montag und mein Hirn verlangt nach Kaffee. Ich hatte zu Hause keine Kaffeepads mehr und auch der Instantkaffee, den ich eh zum Erbrechen finde, war bereits kurz nach meiner Geburt im Jahr 1981 abgelaufen. Perfekt! Also habe ich mich in meinen schicken, ok, eher rostigen und uralten Opel Astra gequält und bin noch halbwegs pünktlich bei meiner Arbeit erschienen.

„Guten Morgen Arne!“, bölkt mich meine wenig attraktive, stark übergewichtige Kollegin an. „Na, gestern mal wieder nicht genug bekommen?“ „Morgen Pu…., Helga…“ Boar, grade nochmal gut gegangen, denn unter meinen anderen Kollegen wird Helga immer nur die Pummelfee genannt. Vor meinem geistigen Auge spielt sich dann immer derselbe Film ab; eine fette Fee mit winzigen Flügeln die versucht zu fliegen aber immer wieder von ihrer Fettwampe auf den Boden gezogen wird. Ihre Füße schleifen über den Boden und in regelmäßigen Abständen klatscht auch das Bauchfett gegen einen Stein. Ja, nicht sonderlich nett, aber Sie kennen Helga nicht.

Helga ist eine der Kolleginnen, die Ihnen freundlich ins Gesicht sagt wie toll sie Ihre Arbeit findet und wie wichtig Sie doch für das Unternehmen sind. Hintenrum rennt sie wegen jeder außerplanmäßigen Zigarette oder Pinkelpause zum Chef und petzt. Zudem spukt Helga beim Sprechen permanent irgendwelche Speisereste in mein Gesicht, so dass es aussieht, als wenn man einem Kleinkind ein Nutellabrot geben würde. Jepp, eine super Kollegin ist die Helga. Zu unserem Betrieb gehört noch Martha, sie ist wohl das was man gemeinhin als Ökopädagogin betiteln würde. Sie kommt regelmäßig bekifft zur Arbeit, trägt dabei die selbstgestrickten Socken ihres Mannes (er ist Hausmann und derzeit in Elternzeit vom achten Kind) und spielt auf ihrer Bongo.

An männlichen Kollegen gäbe es dann meinen Chef und mich. Obwohl, eigentlich nur mich. Mein Chef ist 64 Jahre alt und trägt abends gerne die Kleidung seiner Frau. Ob es dafür Beweise gibt? Ja, die gibt es. Auf jeder Feier unserer kleinen Firma wird zur späten Stunde und nach dem ein oder anderen Glas mit köstlichen alkoholischen Getränken, das lustige Wahrheit oder Pflicht Spiel gespielt. Sie können sich gar nicht vorstellen wir unheimlich wichtig in diesem Spiel die Regeln sind:

1.     Niemand darf die Pflicht bekommen Helga körperlich näher kommen zu müssen

2.     Niemand missachtet die erste Regel

3.     Wird die erste Regel missachtet darf man sich ohne Konsequenzen der Aufgabe verweigern

Glauben Sie ernsthaft sonst würde ich mitspielen? Nun war es also dieser eine Abend im Dezember, in dem unser Chef meinte, er müsse mit uns zur „After Work Party“ nach Meppen auf den Weihnachtsmarkt fahren. „Übernehmen Sie alle Kosten?“ höre ich noch Helgas nervtötende Stimme in meinen Ohren. „Aber sicher Frau Knopp, das setzten wir steuerlich ab.“ Naja und wie soll ich es sagen, zur späten Stunde entschied unser Chef sich, uns sein geheimstes Geheimnis anzuvertrauen. Sogar Bilder hat uns gezeigt und mir gesagt: „Mensch Arne, dir würde das grüne Cocktailkleid mit den dunklen Pumps so gut stehen. Du hast aber auch eine schicke Figur.“ Äh ja. Seitdem versuche ich mich vor jeder Feierlichkeit zu drücken und bemühe mich auch sonst, nicht unbedingt meinem Chef öfter als ich muss über den Weg zu laufen.

Aber nun gut. Ich bin also in unserem winzlings Betrieb angekommen und habe es geschafft mich an der fetten Helga vorbei zu quetschen. Da mein Hirn mich in Dauerschleife an den stetig sinkenden Koffeeinpegel erinnert, steuere ich schnurstraks die Teeküche an. Und siehe da, tatsächlich befindet sich eine zähe, dunkle Flüssigkeit in der Glaskanne unserer Kaffeemaschine. Ich nehme mir als meinen „ I hate people, I love rocks“ Tasse aus dem Regal und fülle mir die dampfende… Moment mal, warum dampft der Kaffee nicht? Und warum schwimmt dort etwas pelziges in meiner Tasse? „OH NE!!“ höre ich mich brüllen. „Wer hätte den Freitag den Abwasch machen sollen? Wollt ihr mich verarschen? Kalter, schimmelnder Kaffee? Leute, ich glaube ich spinne!“ „Hey Brudi“, kommt es aus der Ecke hinter der Tür. „Chill mal, ich kann dir was von meinem selbstgemachten Hanftee geben. Dann ist dir das Chaos in der Küche wirklich egal“. Martha sitzt im Schneidersitz auf dem Boden und schaut mich mehr als vernebelt an. „Martha, ist das dein ernst? Es ist noch nicht mal neun Uhr und du sitzt hier völlig stoned? Ist die klar, dass wir heute einen wichtigen Kunden erwarten?“ „Arne“, sagt sie sonor „Meine Bongo ist schon völlig aus ihrer Balance auf Grund deines Karmas, ich bitte dich, chill dich erstmal hin und nimm dir nen Keks den mein Mann gebacken hat. Wir haben ein neues Rezept. Aber psst, die Kinder sollten nur abends einen halben davon bekommen, ansonsten merken die im Kindergarten wieder was.“ Ich will nur hoffen das Martha scherzt, aber Martha scherzt eigentlich nie wenn es um ihren Konsum von Cannabis geht.

Schöner Montagmorgen, ich habe den Kater meines Lebens, Martha ist bekifft, mein Chef träumt bestimmt von seiner nächsten Zalandolieferung und Helga befindet sich wieder im Stasimodus. Herzlich Willkommen im Irrenhaus!

Kommentare